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In meiner Kindheit lag eine Kamera nicht einfach so herum. Sie war ein wohlgehüteter Apparat, der in dem Wohnzimmer unserer Wohnung aufbewahrt wurde. Dieser Raum wurde nur zu besonderen Anlässen betreten und es waren die besonderen Momente, in denen ein Fotoapparat zum Einsatz kam. Ich wusste nicht genau, wie die Maschine funktionierte, aber ich wusste, dass er immer in einem Zusammenhang schöner Augenblicke, genutzt wurde. Für mich war die Geschichte der Fotografie eng verbunden, mit einer kleinen Welt der Kameras, Blitzwürfel und Fotoalben. Wenn diese Dinge herausgeholt wurden, ging es zur Sache und es wurde gemeinsam gegessen, getrunken, gelacht und sich lautstark unterhalten. Geburtstage, Weihnachten, Ostern und das Zusammentreffen bei Oma, Onkel und Tante, waren für mich die zauberhaften Anlässe, bei denen die Erwachsenen, meist unter einer Dunstglocke von Peter Stuyvesant und Camel, Bilder von der Familie und Freunden schossen.

War der Film voll geknipst, fuhr man in den nächsten Tagen in die Innenstadt und gab ihn in einem Fotogeschäft ab. Einige Tage später ging die Reise wieder in die Stadt, um die entwickelten Bilder abzuholen. In dem kleinen Geschäft standen immer Menschen am Tresen, weil sie genau wie wir, nicht abwarten konnten, um die ersehnten Schnappschüsse, aus dem Umschlag zu holen.
Natürlich gab es auch damals schon Gespräche über die Qualität der Fotografie, in denen es um das Motiv, den Verwackler, rot leuchtende Augen, mattes oder glänzendes Fotopapier ging.

Wieder zuhause angekommen wurden die schönsten Exemplare in ein Fotoalbum geklebt und der Rest landete in einem Schuhkarton. Das große Buch mit den eingeklebten Fotos, war in dieser Generation aber auch in der Zeit meiner Oma, ein fester Bestandteil jeder Familie und wurde wie eine Kostbarkeit behandelt. Ein wichtiges, aber kurzes Highlight der Geschichte, denn nur zwei bis drei Generationen haben diese Bücher erlebt.

„Ritsch-Ratsch-Klick“ war in meiner Kindheit ein erfolgreicher Werbeslogan und er bezog sich auf eine kleine, mondän wirkende Pocketkamera, die in die Hosentasche passte. Durch das zusammendrücken der Kamera löste man den Filmtransport aus. Genau dieser leichte Winzling war für mich, nicht nur eine Revolution, sondern auch die größte Kamera der Welt, denn es war „meine Erste“. Es war mein Geburtstagsgeschenk und jetzt konnte ich endlich das tun, was normalerweise den Erwachsenen vorbehalten war. Ich fotografierte meine Welt und das tat ich sehr behutsam, denn jede Auslösung kostete Geld. Die Filme und Entwicklung auf Fotopapier bezahlte ich von meinem Taschengeld.

Ich lief Tage lang mit meiner Pocket Kamera herum, wartete auf den richtigen Moment und nutzte die beiden einzigen Einstellmöglichkeiten „Wolken oder Sonne“. Ich legte mich wie ein Profifotograf auf den Boden, vor dem Hund des Nachbarn, lichtete unseren Audi 60 ab und fotografierte meine selbst gebauten Skulpturen.

In meiner ersten zwei Zimmerwohnung stand immer ein Ständer mit einem Diaprojektor, der auf eine weiß gestrichene Wand gerichtet war. Meine gesamten Ersparnisse gingen für eine Spiegelreflexkamera drauf und ich war begeisterter Menschen- und Kunstfotograf. Meine Freundin musste herhalten, denn sie war mein erstes Fotomodel. Meine Diavorführungen wollte wirklich keiner sehen, doch es gab kein Entkommen für Freunde, Verwandte und Nachbarn, die einmal meine Wohnung betraten.

In der Ausbildung verdiente ich so wenig Geld, dass ich kaum meine Miete und das Essen bezahlen konnte und eines Tages landete meine geliebte Kamera im Pfandhaus. Monat für Monat bezahlte ich die Rate inklusive Zinsen, damit sie nicht in die Versteigerung kommt, doch irgendwann landet sie genau dort. Ich verlor meine Kamera aber die Sehnsucht blieb und fotografierte weiter, mit günstigeren Apparaten. Ich war fest entschlossen, mir ein noch besseres Modell zu leisten, doch ohne Geld war das eine fast unüberwindbare Hürde und ein Traum der in weiter Ferne lag. Ich bewundere jeden Reporter, der mit seiner Kamera Geld verdiente und wünschte mir nichts sehnlicher, als mit meiner Kunst, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Von nun an arbeitete ich in einem Nebenjob samstags und sonntags. Ich machte das Bahnhofsklo sauber und fegte die Zigarettenkippen in einem Einkaufszentrum zusammen. Ich sparte jeden Pfennig und nach einiger Zeit leistete ich mir eine gebrauchte, aber hochwertige Kamera, mit einem guten Objektiv und es war mein ganzer Stolz. Endlich war ich wieder als Kunstfotograf unterwegs und niemand konnte mich aufhalten. Endlich saßen wieder Menschen artig auf meiner Zuschauerbank (das Sofa) und starrten in der Dunkelheit auf meine Projektion, während ab und an die Raufasertapete durchschimmerte.

Lange Zeit nutzte ich meine Kamera für meine Projekte als Künstler und Designer bis ich sie dann eines Tages auf der Autobahn verlor. Ich hatte sie vor Antritt der Fahrt auf dem Dach meines Wagens gelegt und war entsetzt als ich nach einigen Kilometern das gepolter auf dem Autodach hörte.

Später arbeitete ich als Künstler für die Werbung und dann als Inneneinrichter. Mein Geld verdiente ich mit meiner Kreativität und meine Schwerpunkte waren mein kunstvolles Interieur, meine Gemälde und Skulpturen. Meine Arbeiten wurden immer gefragter und in dieser Zeit nutzte ich unzählige Kameras in jeglicher Lebenssituation. Die Fotografie, mehr in meine berufliche Karriere einzubinden, war eigentlich naheliegend aber, irgendetwas hielt mich zurück.

Als die Zeit der digitalen Fotografie begann, war ich wie viele andere Menschen überzeugt davon, dass ein belichteter Film nicht zu ersetzen sein wird. Zu der damaligen Zeit war das nichts Ungewöhnliches, denn selbst die Firma Leica war von diesen Gedanken lange überzeugt. Eine ganze Weile fotografierte ich mit kleinen und digitalen System-Kameras. Man konnte miterleben, wie in kürzester Zeit die Qualität dieser Kameras, immer besser wurde und es gab spannende Verschwörungstheorien, wie sich dieser Markt entwickeln würde.

Die neue Technik und der Mangel an Zeit, denn schließlich musste ich mich um mein Geschäft kümmern, stresste mich und ich beschloss Fotografen zu beauftragen, die meine eigenen Projekte ins rechte Licht rückten. So versuchte ich Zeit einzusparen. Wir fotografierten meine Objekte, die Räume meiner Kunden, meine Messestände und alle möglichen Produkte die ich sonst noch entwickelte. Unzählige Versuche, brachten nicht die gewünschten Ergebnisse und sicher gibt es einen Konflikt, zwischen meinen Vorstellungen und der „richtigen“ Fotografie.

Genau das war der Zeitpunkt meine Theorie „ich kann das nicht“ zu überdenken und mir die Zeit für das Wesentliche zu nehmen. Mittlerweile hatte ich, in den Bereichen Design und Marketing, enormes Wissen, welches mir dabei behilflich war, die Fotografie, aber auch die Vermarktung meiner Leistung, zu verstehen. Ohne diese vielen Jahre meiner kreativen Arbeit, wäre der nächste Schritt nicht möglich gewesen.
Ich beschaffte mir die Profiausrüstung von denen die meisten Fotografen schwärmten und lernte meine Bilder digital zu entwickeln. Ich wälzte Bücher, setzte mich in die Schule und ließ mich ausbilden. All das hat mir nichts gebracht, um kreativ zu denken, denn darin war ich allen Dozenten und Buchautoren weit voraus, aber es hat mir dazu verholfen, die Technik besser zu verstehen.

Ich bekam meinen ersten Auftrag.
Hundewelpen sollte ich fotografieren und ich freute mich riesig. Die Kundin erklärte mir, dass ich doch so eine großartige Kamera besitze und aus diesem Grund sollte ich die größtmögliche Speicherkarte voll knipsen und im Gegenzug dafür 80 Euro kassieren. Ich lehnte den Job ab und in der darauf folgenden Zeit, erhielt ich Foto-Aufträge die mehr Spaß machten.

Mittlerweile war die Fotografie ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit geworden und ich arbeitete in meinem Atelier und sauste von einem Termin zum nächsten. Ich fotografierte Veranstaltungen, die mich langweilten, aber auch Menschen, die mich begeisterten. Schnell merkte ich, dass Hochzeiten, Geburtstage und Bewerbungsfotos nichts für mich sind und auch nicht zu meiner Arbeit als Künstler passen. Meine Aufträge entstanden durch eine Kettenreaktion, denn jeder zufriedene Kunden hat meine Arbeiten in seinem Freundeskreis gezeigt.

Endlich sollten Menschen, die mir nahe stehen sehen, was ich so tolles auf die Beine stellte und auf einer unserer Familienfeiern schenkte ich dem Geburtstagskind einen Gutschein für ein Fotoshooting, in meinem eigenen Fotostudio. Stolz präsentierte ich gleich noch meine neue Kamera, einige Fotografien und befragte die Anwesenden wie gut sie meine Arbeiten finden.

„Nicht gut!“

Doch sie wollten wissen, wie es sein kann, dass ich die eine oder andere Persönlichkeit vor meiner Linse hatte.

„Jetzt weiß ich wie du das machst. Du stellst dich vor ein Hotel und wartest solange, bis ein Prominenter herausläuft.“

In diesem Zusammenhang hörte ich mir auch noch brav an, wie ein völlig veraltetes Kameramodel, aus den achtziger Jahren, funktionierte und dass, ich mir genau dieses, vermeintlich großartige Wunderwerk der Fotografie, einmal ausleihen darf.
Dann…

„Markus, ich finde es so toll, dass Du mit deiner Kamera so schön übst!“

Ich arbeite ein halbes Leben mit der Fotografie und meine Kunden bezahlen Geld für meine Arbeiten, weil ich übe? Es war die Zeit, als ich das Weinen verlernt hatte und es längst gegen ein Lachen eingetauscht hatte. Die Blindheit von wenigen Menschen aus meinem Dunstkreis, war keine neuzeitliche Erscheinung, aber ein letzter Versuch, um nach der ersehnten Anerkennung zu bitten. Der Geburtstagsgutschein wurde nie eingelöst doch Gott sei Dank, ließ ich mich nicht entmutigen. Es gab also einen guten Grund, den Champagner auf meiner Vernissage, mit meinen Lieblingsmenschen, die immer an mich geglaubt haben, zu teilen. Prost!

Ich machte also einfach weiter mit dem was ich immer machte. Irgendwann bemerkte ich, dass einige Leute versuchten, mich nachzumachen. Ein Fotograf fuhr sogar zu derselben Location, die ich mir gesucht hatte und stellte mein Bild mit Menschen so nach, dass selbst die Posen ähnlich waren. Ein Fluch oder eine wunderbare Anerkennung für mich und meine Arbeit? Mit anderen Kollegen baute ich eine wunderbare und kreative Freundschaft auf.

Ich erhielt Aufträge von einigen großen Marken oder Werbeagenturen für Werbekampagnen. Was sich zunächst anhört wie eine kreative Macht war für mich häufig nur einfache Arbeit. Manchmal kamen auch die Agenturvertreter zu mir geflogen und blieben einige Tage, um während meiner Arbeit dabei zu sein. Die Bilder während des Fotoshootings wurden dann direkt zu den Agenturen übertragen und dort haben Leute entschieden, wie der Bildstil aussehen sollte. Links ein bisschen heller, rechts ein bisschen dunkler und… Das Ganze hat wenig mit meiner kreativen Arbeit zu tun und ich fragte mich oft, warum sie diesen riesigen Aufwand betreiben und es nicht einfach selbst machten. Solange das Geld stimmte, war es mir irgendwann egal aber meine Lieblingsaufgabe war es nie.

So wie ich meine eigene Skulptur kreiere (und aus einem Boden grabe), so will ich auch meine eigenen Bilder erschaffen.

Gottseidank ist mir dies längst gelungen und heute fotogarfiere ich kompromisslos, so wie ich es will und das mit großer Leidenschaft. Ich mache das, was mir wirklich Spaß macht und große Freude bereitet. Das nenne ich künstlerische Freiheit und ich schäme mich keines Augenblickes, dass ich für mein Ziel dieses fürchterliche Bahnhofsklo geputzt habe.

Zu meinen Kunden zählen heute vorrangig Kunstsammler und Auftraggeber, die eine künstlerische Darstellung von Menschen oder Produkten wünschen.

Ich empfinde trotz des steinigen Weges und allen Hürden, große Dankbarkeit, dass ich das machen darf was ich wirklich liebe. Vielen Menschen auf der Welt geht es nicht so, daher ist mir bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit ist und betrachte meinen Beruf mit viel Demut und Respekt.

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